Monika Hanková: Earwax CUBE Gallery, Meetfactory (Czech)
Stella Rollig: Über Dinge Kunsthaus Mürz (Deutsch)
Nina Kirsch: Triennale Linz 1.0 Lentos Kunstmusem (Deutsch)
Alexandra Grausam: Earwax Sotheby’s Wien (Deutsch)
Monika Hanková
Earwax CUBE Gallery, Meetfactory 2012
Galerie Kostka hostí výstavu ukrajinsko-české umělkyně Niky Kupyrove (nar. 1985) nazvanou „Earwax.“ Nika Kupyrova, jež v současné době pendluje mezi Prahou a Vídní a občas si udělá kratší zastávku někde v zámoří (viz např. její rezidenční pobyt v Mattress Factory v Pittsburgu v minulém roce), je oceňovanou mladou umělkyní pohybující se zejména na poli instalace.
Materiálové konceptuální instalace představují těžiště její tvorby, pro svá „zátiší“ používá výhradně nalezené předměty a objekty, jež drobnou proměnou a pozměněním kontextu nabývají nových významů. V popředí je zřetelná reflexe láskyplného vztahu k věci – k věci staré, nepotřebné a zbavené své původní funkce.
Taktilní rozměr děl-tvorů vzniklých s využitím rozličných médií je nedílnou součástí většiny instalací Kupyrové. Nenásilně vtahuje diváka do hry, předkládá mu to důvěrně známé, osahané, vybízí k intuitivnímu propojování předmětů, ale i k novému promýšlení toho již daného a (zdánlivě) neměnného. Prezentované haptické objekty, živoucí neobyčejné věci, však dalece přesahují pouhou dětskou bezstarostnou hravost.Všudypřítomný je jakýsi animální prvek, jedná se často o zvláštní „bytosti“ napůl ze zvířecí říše, napůl „odjinud“. S tím se mohou pojit rozporné pocity sahající právě hluboko do dětských let, třeba i pocity nepříjemné a zraňující. O svém vztahu k nalezeným věcem hovoří N. Kupyrova následovně: „Nalezené objekty mě zajímají svou hluboko zakořeněnou povědomostí a svým potenciálem k vytvoření příběhu. Nezbytná pro mou práci je schopnost takových objektů vytvářet emotivně zabarvený prostor, který umožňuje divákovi, aby ho posléze interpretoval v souladu s jeho konkrétní zkušeností.“
„Earwax“ je samostatně stojící instalace, perforovaná postel umístěná do strohého industriálního prostoru galerie Kostka, kde díky optimálnímu nasvícení dobře vyniká a působí až postapokalyptickým dojmem. Ačkoliv nespadá do zmíněné řady subtilních zoomorfních bytostí, jedná se kupodivu svým způsobem opět o nesmírně živoucí a křehký objekt – „kvetoucí“ matraci plnou „živých“ květů z drátů, kabelů, suchých polních rostlin a kuliček z hnědé lepenky. Instalace navozuje navýsost intimní pocit – starý kus nábytku, rutina, se stávají důvěrným bodem a garancí návratu. Postel jako atribut vlastního soukromého neměnného světa. Soukromá historie v emocionální rovině.
Vzhledem ke skutečnosti, že předměty nejsou na posteli nijak upevněny, jedná se v podstatě o neustále se proměňující instalaci, která od svého prvního uvedení v Kuhturm Gallery v Lipsku (2009) dostála řady změn, ať již v detailu kompozice či využitím zcela nové matrace.
Stejně jako předchozí díla Niky Kupyrové, rovněž „Earwax“ potvrzuje originalitu a nesmírnou citlivost autorky v uchopení toho, co můžeme nazvat „malé dějiny“. Hravým způsobem zkoumá narativní vlastnosti soukromého prostoru, přičemž obecně tematizuje kategorie jako je domáckost, intimita a plynutí času.
Nika Kupyrova ist eine Sammlerin.
Sie sammelt Materialien, Gegenstände, Dinge, denen sie im Alltag begegnet. Suchen steht dabei nicht im Vordergrund. Das Finden ist der zentrale Aspekt und vor allem das Finden von Dingen, nach denen niemand mehr sucht.
Belanglose Gegenstände, die ihre Bedeutung für die ehemaligen BesitzerInnen verloren haben. Herrenlose Dinge, denen niemand mehr Beachtung schenkt, die abgenutzt sind und Gebrauchsspuren aufweisen. Man kennt ihnen ihr Alter an. Nicht nur die ausgebleichte Farbigkeit, die schale Oberflächenstruktur, die abgestumpften Ecken und Kanten sondern die Form und das Design an sich verraten Alter und manchmal auch Herkunft der Gegenstände. Ihre verloren gegangene Aktualität und ihr verschwundener Nutzen sind offensichtlich. Genau solche Dinge, denen man ankennt, dass sie vermeintlich zu nichts mehr zu gebrauchen sind, ziehen das Interesse der Künstlerin an.
Nika Kupyrova ist auch eine Spurenleserin.
Es ist die Zeit, die ganz offensichtlich ihre Spuren an diesen gesammelten Dingen hinterlassen hat. Es ist aber auch der Mensch, der Spuren auf diesen Dingen, mit denen er sich umgibt, hinterlässt. Die Spuren nimmt die Künstlerin unter die Lupe. Sie weiß sie zu lesen und lässt sich zu den innewohnenden Geschichten führen. Die Künstlerin erkennt das starke narrative Potenzial dieser objets trouvés, das sich vor allem in deren tief verwurzelter Vertrautheit gegenüber den BetrachterInnen begründet. Schließlich sind es Dinge, die man kennt, schon mal gesehen, oder sogar schon selbst besessen hat. Die Künstlerin ist fasziniert, ob der Fähigkeit von Objekten bei BetrachterInnen Emotionen auszulösen. Es wird Raum geschaffen für eigene Interpretationen, die mit den individuellen Erfahrungen verknüpft werden.
Nika Kupyrova ist vor allem auch eine Geschichtenerzählerin.
Die Spuren gekonnt gelesen, den Fährten richtig gefolgt, lässt sich die Künstlerin von einem zum nächsten Objekt treiben und macht sich dann daran, die einzelnen narrativen Teile zu einer Geschichte zusammenzusetzen. Durch die Kombination von Dingen, die an sich nichts miteinander zu tun haben entstehen fiktionale Objekte – einerseits geläufig und gleichzeitig doch fremd. Die ursprünglichen Teile sind noch irgendwie erkennbar und dennoch höchst undefiniert. Zentrales Anliegen der Künstlerin ist es, durch die Verfremdung von an sich Vertrautem zu seltsam Unbekanntem eine Veränderung der Wahrnehmung zu erzeugen.
Die unerwartete Beziehung der gewöhnlichen Objekte entwickelt sich intuitiv und ihre verborgene Poesie wird ihnen entlockt.
Die Kompositionen haben etwas Leichtes an sich, etwas Unbeschwertes, wirken trotz ihrer Fremdheit irgendwie selbstverständlich und authentisch. Diese scheinbare Leichtigkeit ist jedoch Resultat eines langwierigen Entwicklungsprozesses, bei dem die Künstlerin experimentiert, Fortschritte macht, manche Ideen doch wieder verwirft, so lange bis das Kunstwerk seine natürliche Form gefunden hat.
Von den geschaffenen Objekten geht eine unmittelbare Anziehungskraft aus. Sie locken das Auge der BetrachterInnen und zwingen es zu einer Analyse. Dabei steht jedes der Objekte streng für sich und grenzt sich aufgrund seiner Eigenwilligkeit klar von seiner Umgebung ab.
Man fühlt sich angezogen und abgestoßen gleichermaßen, fühlt sich hingezogen zu einzelnen Materialien, wünscht sich, sie im wahrsten Sinne zu begreifen und sie nicht nur mit den Augen sondern eben auch mit den Händen untersuchen zu können. Seltsam, denn würde man den einzelnen Dingen im Alltag an ihrem ursprünglichen Platz begegnen, man käme nicht auf die Idee sie unbedingt berühren zu wollen.
Der menschliche Charakter, der den Objekten anhaftet, ist mitunter der Grund für ihre Ausstrahlungskraft. Entwickeln können sie ihre scheinbare Lebendigkeit aber nur indem sie betrachtet werden, nur indem die BeobachterInnen ihre Emotionen in sie projizieren und dadurch ein Spannungsfeld aufbauen.
Nika Kupyrova ist eigentlich studierte Malerin.
Am Edinburgh College of Art schließt sie ihr Studium der Malerei ab und wird dort für ihre Gemälde auch mit einem Preis ausgezeichnet. Daneben beginnt sie sich aber mehr und mehr für Dreidimensionales und Räumliches zu interessieren und schafft Objekte und Installationen. Anfänglich nutzt sie die Fotografie nur zur Dokumentation ihrer Kunstwerke, merkt aber bald, dass ihr dieses Medium eine noch außergewöhnlichere Inszenierung ihrer Arbeiten ermöglicht. Sie rückt ihre Objekte so lange ins rechte Licht, bis die optimale, geheimnisvollste und ausdruckstärkste Ansicht gegeben ist und erlaubt den BetrachterInnen dadurch nur bedingt, ihre Kompositionen zu erforschen. 2011 kann sie mit ihren Fotografien schließlich die Jury des ITS#TEN Wettbewerbs überzeugen und gewinnt den Disaronno Photo Award.
An der fünfteiligen Fotoserie Fish Fingers lässt sich neben der perfekten Inszenierung auch noch das Interesse der Künstlerin an der Grenze zwischen lebendig und leblos erkennen. Die Frage, welche Aspekte es wohl sind, die etwas zu einem leblosen Objekt machen und etwas anderes zu einem lebendigen Lebewesen, ist für die Künstlerin zentral. Sie sucht jedoch nach keiner klaren Antwort auf diese Frage, sondern verunklärt sie hingegen, dadurch, dass sie in ihren Arbeiten die Grenzen zwischen Lebendigkeit und Leblosigkeit bewusst auflöst.
So wirken die fünf in Cellophan gewickelten Stofftiere der Fish-Fingers-Serie wie gefangen genommene Lebewesen. Die Klarsichtfolie scheint den Plüschtieren bestimmte Positionen aufzuzwingen und man glaubt die, kurz vorm Drücken des Auslösers vollführten Bewegungen der Wesen noch erahnen zu können.
Nika Kupyrova ist – zu guter letzt – auch eine Jägerin.
Die Gegenstände, die sie für ihre Arbeiten braucht, findet und sammelt die Künstlerin. Ohne ihr künstlerisches Zutun bleiben diese Dinge jene ungeliebten Gegenstände, die sie sind. Daher begibt sich die Künstlerin regelmäßig auf die Jagd nach den poetischen Geschichten, die ihre wunderbar ästhetischen Konstellationen beherbergen.
Ihr aktueller Fang ist die Installation Head Hunter, die zum ersten Mal im Innsbrucker artdepot zu sehen ist.
Äste, die aus der Galeriewand zu wachsen scheinen, werden von seltsamen Objekten bevölkert. Wie bei den Fish-Finger-Figuren hat man das Gefühl, diese fremden Wesen irgendwoher zu kennen. Inspiriert wurde die Künstlerin zu diesen Gebilden mitunter von der frühen slawischen Mythologie. Diese handelt auch von sagenumwobenen Figuren, die zwischen tierischen, menschlichen und gegenständlichen Fähigkeiten und Gestalt variieren. Diese Figuren scheinen in keiner der angenommenen Mischformen wirklich unserer Welt zugehörig und stehen aber aufgrund ihrer eigenen Nicht-Perfektion den Menschen mit ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten verständnisvoll gegenüber.
Nika Kupyrova ist also Sammlerin, Spurenleserin, Geschichtenerzählerin, studierte Malerin und Jägerin. Sie ist vor allem aber auch eine sehr begabte Künstlerin, die die Fähigkeit besitzt durch kunstvolles Handanlegen abgenützten Dingen ihre innewohnende Ästhetik zu entlocken.
Stella Rollig (Lentos Kunstmuseum Linz)
Über Dinge Kunsthaus Mürz 2011
Nika Kupyrova hat Malerei studiert, am Edinburgh College of Art, wo ihre Malerei auch mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Doch heute sind neben der Fotografie Objekte und Rauminstallationen ihr Metier - die delikate Farbigkeit verrät immer noch die Sensibilität der Malerin. Alle Installationen und Objekte entstehen aus Fundstücken. Solche Objets Trouvés faszinieren die Künstlerin: die tiefe Vertrautheit, die sie ausstrahlen, das Gefühl von Zuhausesein und Zugehörigkeit, das sie vermitteln können, die Spuren von Alter und Gebrauch.
Die Objekte der Serie Moonshine sind aus mehr oder weniger erkennbaren Resten häuslicher Produkte entstanden, die in ihrem ursprünglichem Zweck nicht oder kaum mehr funktionstüchtig sind. Materialteile, die sich auf Dachböden und in Abstellkammern ansammeln, bevor sie jemand dem Müll übergibt. Unter Kupyrovas Händen werden sie zu verwirrenden Doppelgängern opulenter Leuchtkörper, nonchalante Darsteller einer improvisierten Inszenierung entschwindenden bürgerlichen Lebens.
Nina Kirsch (Lentos Kunstmuseum Linz)
Triennale Linz 1.0 Lentos Kunstmusem 2010
Der Mensch hinterlässt Spuren in seinem Umfeld und auf den Dingen, mit denen er sich umgibt. Es sind diese Spuren, die Nika Kupyrova in ihrer künstlerischen Arbeit thematisiert. Die Künstlerin verwendet für ihre meist ortsspezifischen Installationen Objekte aus der unmittelbaren Umgebung. So arrangierte sie für eine Ausstellung in einem leer stehenden Fabrikgebäude ein Kunstwerk aus den Gittern, Töpfen und Gummischläuchen, die sie dort vorgefunden hatte. Kupyrovas Skulpturen, die als Vorlage für Fotografien dienen, sind von ihr behandelte Gebrauchsgegenstände, wie Möbel oder Spielzeug. Die Imitation der wiederkehrenden Materialien – sei es Öl, das für Körperflüssigkeiten steht, oder Latex, das die Dehnbarkeit von Haut symbolisiert – ist als Annäherung der Objekte an ihre menschliche Nutzung zu sehen.
Für die TRIENNALE LINZ zeigt die Künstlerin eine Komposition rund um die Verarbeitung von Stofftieren. Die fünfteilige Fotoserie Fish Fingers bildet verschiedene Plüschwesen ab, die die Künstlerin ins rechte Licht rückte. Zusätzlich präsentiert sie bei der TRIENNALE LINZ erstmals ein Objekt als Skulptur auf einem Podest. Die in Klarsichtfolie eingewickelten Objekte haben etwas Vertrautes und wirken doch eigenartig fremd.
Kupyrova schafft es, durch das kunstvolle Handanlegen den abgenützten Dingen ihre innewohnende Ästhetik zu entlocken.
Alexandra Grausam (Kunstverein Das Weisse Haus)
Earwax Sotheby’s Wien 2010
Jedes Objekt erlebt seine eigene Geschichte – wie Menschen, welche das Erfahrene jederzeit selbst erzählen können. Für ausgewählte Gegenstände übernimmt dies die Künstlerin Nika Kupyrova und schafft durch Veränderungen, Erweiterungen und Kombinationen von Alltagsgegenständen berührende Rauminstallationen. Die Arbeiten umgibt eine Leichtigkeit fast wie in einem Schwebezustand. Meist handelt es sich um vertraute Objekte aus der eigenen Geschichte bzw. der jeweiligen Stadt, in der die Künstlerin sich gerade aufhält, die in spielerischer Kombination mit „Unnötigem“ oder Alltäglichem einen erfundenen sphärischen Lebensraum kreiieren. Nika Kupyrova zeigt in ihrer Arbeit die Wandlungsfähigkeit von Dingen, die durch Irritationen in beseelte Werke transformiert werden bzw. verleiht ihnen beispielsweise durch das Beifügen von mit Öl gefüllten und von der Decke hängenden kleinen Plastiksäckchen Sinnlichkeit.
Neben Rauminstallationen schafft die Künstlerin eindrucksvolle Fotografien von Objekten, die nur temporär zusammengesetzt und bearbeitet werden. Diese Ansammlung von Teilen ergibt Objekte mit unglaublicher Ausdruckskraft, vermittelt Feinheit und Perfektion, welche den Betrachter berühren.
In der Installation „Earwax“ öffnet die Künstlerin den Überzug einer Matratze, die sich durch eine Vielzahl von Plastikblumen in eine Wiese verwandelt hat. Bei näherer Betrachtung wird erkennbar, dass die Blumen auf von Computerkabeln stammenden Kupferdrähten teilweise fragmentiert montiert sind. Nika Kupyrova hat als Kind oft mit Plastikblumen gespielt bzw. sie damals schon in ihre Einzelteile zerlegt. Hier kombiniert sie diese mit Klebebandbällen, Steckern und Computerkabeln. Diese elektronischen Verbindungen, Verkabelungen und Netzwerke haben in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr Einzug in unsere Haushalte genommen und sind unbemerkt integriert und gleichzeitig sehr vertraut geworden - eine Kombination von Funktionalität und Disfunktionalität - in ein sinnliches Ambiente versetzt.